Der Würfel, die Insel oder wie Verzicht zum Gewinn wird!  

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Die Menschheit wächst, der Erlebnishunger wächst, der Individualisierungsdrang wächst. Der Schweiz und vielen Städten auf dieser Welt geht der Wohnraum aus. Bezahlbare Wohnungen in städtischen Gebieten sind ein rares Gut, denn urban wollen heute viele leben. Verdichtung hat darum als Schlagwort längst den politischen Diskurs erreicht. Mikrowohnungen sind dabei eine ökonomisch und ökologisch sinnvolle Lösung, um einer Gesellschaft im Umbruch nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern Wohlbefinden mit Heimatgefühl zu geben.

Vor etwa 300.000 Jahren tauchte der Homo Sapiens auf. Kurz nach 1800 bevölkerte die erste Milliarde Menschen den Erdball und bereits 1928 hatte sich die weltweite Bevölkerungszahl auf 2 Milliarden verdoppelt. Am 15. November 2022 knackte Baby Vinice aus den Philippinen nun die 8-Milliarden-Menschen-Grenze. Und nach letzten Berechnungen hält das Wachstum bis mindestens 2058 an; dann soll die Schallgrenze von 10 Milliarden Menschen erreicht werden. So viele Menschen soll unser Planet nachhaltig und gesund versorgen können, sagt mindestens Rolf Sommerer, Fachbereichsleiter Landwirtschaft und Landnutzungswandel beim WWF Deutschland. 

Aber Nahrung allein reicht nicht. Auch das Dach über dem Kopf ist ein Grundbedürfnis. Klein Vinice wurde in eine Welt hineingeboren, die sich im rasanten gesellschaftlichen, technologischen, sozialen und politischen Umbruch befindet. In eine Welt, deren Bewohner nicht nur immer zahlreicher, sondern auch unabhängiger, selbstbestimmter und individueller werden. Deren Lebensbedürfnisse zunehmend im urbanen Raum befriedigt werden wollen. Der Platz auf dem Erdball und in den Städten dieser Welt wird also knapp - und teuer.  Aber was heisst knapp? Das Team um YouTuber Joseph Pisenti hat dazu ein aufregendes Gedankenexperiment gemacht. 

Ausgediente Idylle, wenn 8 Milliarden Menschen auf einer Grundfläche von 1339 km2 oder auf der Fläche der Färöer-Insel wohnen
würden. Photo by Martin Péchy on Unsplash

Der Würfel und die Färöer-Inseln
Die Macher des YouTube-Bildungskanals «RealLifeLore» von Pisenti haben sich nämlich gefragt, wie gross ein Gebäude wäre, in welchem die ganze Menschheit Platz findet. Das Resultat war erstaunlich. Erstaunlich klein. Ein Würfel mit einer Seitenlänge von lediglich 1346 Metern würde reichen, um 7.5 Milliarden Menschen (Zahlen Stand 2017) unterzubringen. Eine halbe Stunde nur bräuchte man, um darum herum zu joggen. Jeder Mensch würde in diesem Gebäude eine Raumfläche von 0.2m2 oder ein Raumvolumen von 0.346 m3 zur Verfügung haben (5 Personen auf 1m2 mit einer Körpergrösse von Ø 1.63m; hier weitere Informationen). Im Vergleich: Die unverbindliche Minimalfläche für eine Schweizer Gefängniszelle liegt bei >8m2. Die Abenteurer rund um Kolumbus hatten 1492 bei ihrer Segelüberfahrt über den Atlantik gar eine durchschnittliche Wohnfläche von 10m2.

Aber nur «Platz» zu haben reicht ja nicht, ist kein lebenswertes Leben: Wir müssen wohnen, wir wollen Freizeit geniessen, Geschäfte treiben, Infrastruktur für Wasser, Nahrung und Mobilität haben. Werden diese Faktoren mitberücksichtigt, erhält man ein Gebäude mit der Grundfläche von 1339km2 und einer Höhe zwischen 414 und 1000 Metern (hier detaillierte Berechnungen). Das ergäbe dann ein Bauwerk, das in der Grundfläche etwas kleiner ist als die Fläche der Färöer-Inseln. 7.5 Milliarden Menschen in diesem Gebäude würde auch heissen, dass wir dieses Gebäude, oder besser diesen Mega-Kaninchenstall, niemals verlassen müssten.

Ein 1000m hohes Gebäude auf den Färöer-Inseln. Oder mit Bezug zur Schweiz: Ein Würfel mit der Grundfläche des Kantons Aargau. Grafik: Eigene Darstellung

Technisch wäre es also möglich, uns auf die Fläche der Färöer-Inseln zurückzuziehen. Doch fast 8 Milliarden Menschen auf ein paar Atlantikinseln zusammen zu pferchen, hört sich nicht nach der nordischen Idylle an, wie wir sie aus den heroischen Wikinger-Sagen kennen. Da wäre kein Raum für Individualität, persönliche Entfaltung und die Pflege von Bedürfnissen und Ritualen. Wohn- oder gar Heimatgefühl würde da nicht aufkommen. Klar wäre allerdings, dass die natürlichen Ressourcen auf der restlichen Welt geschützt werden würden, sich gar erholen könnten. Es wäre aber ein Naturidyll, teuer erkauft durch extremen Dichtestress für jeden einzelnen Weltenbürger. Mehr Dystopie denn Utopie.

Wenn, wie in diesem Gedankenspiel, sich Verzicht für mehr Nachhaltigkeit also wie Verlust anfühlt, ist es definitiv kein tragbares Modell für die Zukunft. Wie schaffen wir es aber sonst, trotz unseres Bedürfnisses nach privatem Raum, Hunger nach Individualität, sozialer Einbindung und persönlicher Entfaltung, im Einklang mit dem zu leben, was uns zur Verfügung steht?

Individualisierungstrend befeuert Verdichtungsdruck
Diese extremen Menschheit-auf-Färöer-Insel-Gedankenspiele kann man natürlich lächelnd als Humbug abtun. Und auch wenn diese Spekulationen nur theoretischer Natur sind, wir nie im berechneten färöischen Würfel wohnen werden, so sind die handfesteren Fakten von UN-Statistiken doch ziemlich eindeutig; der Dichtestress in urbanen Gebieten wird massiv zunehmen. Zwei Drittel der Weltbevölkerung werden im Jahr 2050 in Städten leben (Quelle: population.un.org/wup/). Das wir in der Schweiz sogar heute schon da sind, zeigt das Bundesamt für Raumentwicklung ARE: Seit 2009 leben rund drei Viertel aller Einwohnerinnen und Einwohner in der Schweiz im sogenannten urbanen Raum (Quelle: Monitoring urbaner Raum Schweiz).

Diese sich trotz Corona vollziehende Landflucht wird befeuert durch den Megatrend der Individualisierung. Denn mit der gesellschaftlichen Freiheit und den ökonomischen Möglichkeiten vollzieht sich ein Wandel von der Fremd- zur Selbstbestimmung: Das Leben will man heute selbst in die Hand nehmen! Und städtische Gebiete erfüllen unser Bedürfnis und unseren Hunger nach sozialem Austausch, einfachem und schnellem Zugang zu Infrastruktur, Mobilität und gemeinschaftlichen Räumen, sprich Orten, welche Erlebnis, Arbeit, Freizeit und Ausbildung verbinden, am besten und, trotz aller Herausforderungen, wohl auch am nachhaltigsten.

An diesem Ort der Angebundenheit und des permanenten Zugangs, so unsere These, muss man bereit sein, im Sinne der Gemeinschaft auf etwas eigenen, privaten Raum zu verzichten. Richtig gemacht, lässt sich auch so Individualität zelebrieren und bleiben die eigenen vier Wände auch im Kleinen ein Rückzugsort, um zu regenerieren und reflektieren. Eine Heimat also. In den Worten des tschechischen Philosophen Vilém Flusser: «Unsere Wohnung ist die Weltmitte, aus ihr stossen wir in die Welt vor, um uns auf sie wieder zurückzuziehen.» (Quelle: Flusser, Vilém (1993): Dinge und Undinge.).

Einpersonenhaushalt

Einpersonenhaushalte mit 35% Anteil als häufigste Wohnform von Schweizerinnen und Schweizer. Photo by Jan Huber on Unsplash

Individueller Flächenverbrauch? Verhandeln wir – weniger ist mehr!
Weniger Fläche, dafür städtisch, klein und fein, mit wenig Besitz und permanentem Zugang zu aller Art von Infrastruktur. Passend zum Individualisierungstrend sind unsere Leben heute auch bewegter und schnelllebiger. In viel kürzeren Abständen als noch vor ein paar Jahrzehnten wechseln wir den Ausbildungs- und Arbeitsort, die Haushaltsform und mit wem wir das Leben teilen, wenn wir es überhaupt mit jemandem teilen. Einschneidende Veränderungen passieren nicht mehr im Rhythmus von Dekaden, sondern in wenigen Jahren.

Die sich rasant verändernden Lebensentwürfe schlagen sich in fluiden Lebensläufen nieder. Dieses Phänomen betrifft schon lange nicht mehr nur junge, ungebundene Studenten oder Ältere in der dritten Lebensphase, in welcher das Schicksal häufiger Entscheidungsträger ist. Es zieht sich vielmehr durch alle demographischen und sozialen Schichten. Noch allein, wieder allein oder gewollt allein ist die neue Realität und daraus folgt, dass noch nie so viele Menschen wie heute auch so wohnen; allein. So ist der Einpersonenhaushalt mit einem Anteil von 35% in der Schweiz die häufigste Wohnform. Rund 1.27 Mio. Einwohnerinnen und Einwohner der Schweiz leben in einem Einzelhaushalt. Um das in Relation zu setzen: Das sind so viele, als würden alle Bewohner der acht Städte Zürich, Genf, Basel, Lausanne, Bern, Winterthur, Luzern und St. Gallen eine Wohnung nur für sich haben (Quelle: Statistik der Schweizer Städte 2016).

Solo wollen also viele Leute wohnen, unabhängig vom Alter, Geschlecht, Staatsangehörigkeit, Zivilstand oder Erwerbsstatus. Die moderne Biografie folgt keinen gesellschaftlichen Normen mehr, sondern den Werten, Ideen und Bedürfnissen eines jeden Einzelnen. Und diese sind unabdingbar auch an den technologischen, sozialen und politischen Wandel geknüpft. Bei einigen steht der ökologische Gedanke im Vordergrund, andere wollen einfach unabhängig sein und wieder andere pendeln aus verschiedenen Gründen zwischen mehreren Wohnorten. Und dann gibt es die Gruppe an Erwachsenen, die sich von ihrem Partner getrennt haben oder geschieden oder verwitwet sind. Auch sie leben allein, manchmal für eine kurze Weile, meist aber auch für eine längere Zeit.

Diesem Trend nach Selbstbestimmung, Sehnsucht nach urbaner Luft und «Action» folgt die Wohnimmobilie allerdings nur sehr träge. Dabei müsste gerade die individuelle Lebensmitte – egal, ob Zimmer, Wohnung oder Haus – sich ebenso flexibel gestalten, wie die Lebensläufe fluid sind. Hier hinkt die klassische Wohnimmobilie schon länger hinterher, leidet die Industrie an immer kürzeren Halbwertszeiten und bietet in städtischen Gebieten noch immer Wohnraumflächen, wie ihn die (Solo-)Gesellschaft eigentlich nicht mehr braucht und je länger, je mehr auch nicht mehr bezahlen kann. Der individuelle Flächenverbrauch muss deshalb neu verhandelt werden, denn das rare Gut «Wohnraum» muss bezahlbar und allen Lebensläufen zugänglich bleiben.

Dafür müssen Stadtplaner, Landbesitzer, Architekten und Entwickler sich intensiver mit der Gestaltung von privaten, nachbarschaftlichen und öffentlichen Räumen für eine moderne, sich im Wandel befindenden Gesellschaft auseinandersetzen. Zentrale Fragen müssen gelöst werden: Wie kann eine Immobilie mit dem gesellschaftlichen Wandel permanent Schritt halten, sich anpassen? Wie schafft es eine ressourcenschonende Wohnung, nicht nur das Grundbedürfnis nach einem Dach über dem Kopf zu erfüllen, sondern weiterzugehen und dafür zu sorgen, dass sich die Bewohnerinnen und Bewohner darin auch auf kleiner Fläche wohlfühlen und sich den bewohnten Raum aneignen können?

Eine Lösung in der Aushandlung von individuellem Flächenverbrauch und in der Verdichtung von urbanen Gebieten sind 1-Personen-Wohnungen, die mit kleiner Grundfläche maximale Funktionalität und – noch wichtiger! – maximales Wohlgefühl, ja gar Heimatgefühl vermitteln. Eine Mikrowohnung, deren Funktionen so verdichtet sind, dass sich neuer Raum für Individualität und Emotionen öffnet. Und das, ohne auf etwas zu verzichten; mit eigenem Bad, Arbeits- und Esstisch, einem grosszügigen Bett, vollwertig eingerichteter Küche und einem Balkon.

Auch mit Mikrowohnungen kann eine echte Heimat geschaffen werden. Ein Gewinn für Bewohner, Immobilienbesitzer, Verwaltungen sowie Gemeinden. Photo by  Joseph Albanese on Unsplash

Mikrowohnungen haben das Potential, die Wohnzukunft positiv mitzugestalten. Sie ermöglichen ressourcenschonendes Wohnen mit Heimatgefühl, das mit dem Wachstum der Bevölkerung und der Individualisierung der Gesellschaft in Co-Evolution Schritt halten kann. Fangen wir also mit der Neugestaltung an, bevor wir an der Aufgabe, genügend bezahlbaren Wohnraum im urbanen Raum zu schaffen, scheitern oder ein paar Technokraten doch noch die Dystopie vom färöischen Kaninchenstall Wirklichkeit werden lassen.

Wenn Wohlbefinden intelligent von Flächenverbrauch entkoppelt wird, wird der Verzicht für alle zum Gewinn und die Mikrowohnung zu einer echten Heimat.